2. Sonntag der Passionszeit „Reminiszere“ – 28. Februar 2021

 

„Reminiszere“ bedeutet „gedenke, erinnere dich“. Dieser Sonntag fordert uns auf, uns daran zu erinnern, wie es mit dem eigenen Glauben begonnen hat und wo wir den Glauben nicht durchhalten. Aber auch Gott soll sich an diesen Beginn erinnern und uns nicht fallenlassen, so wie wir oft genug ihn.

 

Wochenspruch aus dem Römerbrief

Gott erweist seine Liebe zu uns darin, dass Christus für uns gestorben ist, als wir noch Sünder*innen waren. (Röm 5,8)

 

Aufrüttelnde Erinnerung

Als Predigttext ist uns heute das sogenannte Weinberglied des Propheten Jesaja aus dem alten bzw. ersten Testament vorgeschlagen (Jesaja 5, 1-7). Dieser Prophet Jesaja ist äußerst beeindruckend. Gott berührt Jesajas Lippen mit glühender Kohle und schickt ihn als seinen Boten unters Volk.

 

Und der erschrockene Jesaja ist bereit, sich senden zu lassen. Nur erschrockene Menschen sind offen für die Wahrheit und bereit, für diese Wahrheit einzustehen und sogar für sie zu leiden. Wer vor Gott erschrocken ist, wird vor den Menschen unerschrocken sein. Das braucht unsere Welt noch heute: Christenmenschen, die keine Feiglinge sind, Menschen, die der Heilige Geist sendet gegen den Geist der Zeit.

 

Jesaja zieht los. Nicht in den Tempel, sondern mitten hinein in ein Winzerfest. Die Freude über die gute Ernte ist groß. Grund zum Danken, denn die Arbeit ist erst einmal getan. Die Zeit, die Mühe und auch die Liebe, die investiert wurden in den Weinberg, waren nicht umsonst. Gott sei Dank. Grund genug, ein fröhliches Fest zu feiern. Als Jesaja auftritt ist die Stimmung wohl schon feucht-fröhlich. Getarnt als Stimmungskanone tritt er auf und stimmt sein Lied vom Weinberg an: „Auf geht´s, Freunde, ich will euch ein Lied singen von meinem Kumpel und seinem Weinberg.“ Weinberg kommt immer gut an, denn das ist doppeldeutig, schön schlüpfrig mit erotischen Anspielungen – denken Sie an das Hohelied Salomos.

 

So singt er von Graben, Anbaggern, Entsteinen, Pflanzen und vom Warten auf die guten Trauben. Doch alles vergebliche Liebesmüh: anstatt süßer Früchtchen, saure Trauben. Die Menge grölt weinselig, Schadenfreude ist die beste Freude. Jesaja heizt die Stimmung weiter an: „Was, Leute, soll mein Kumpel tun mit seiner störrischen, unfruchtbaren Geliebten?“ Die Menge brüllt im Chor: „Rannehmen, rannehmen!“ und merkt im beduselten Kopf nicht, dass sie damit das Urteil über sich selbst spricht. Jesaja gibt ihnen Recht: rannehmen und ausreißen, niedertrampeln und veröden lassen. Aus Zweideutigkeit wird Eindeutigkeit. Alle sind mit einem Schlag wieder nüchtern. „Ihr seid´s. Der Weinberg des Herrn ist das Haus Israel. Gott hoffte auf Guttat, doch siehe Bluttat, er hoffte auf Rechtsspruch, doch siehe Rechtsbruch. Er hoffte auf Gerechtigkeit, doch siehe Schlechtigkeit.“

 

Der Weinberg des Herrn ist nicht nur das Volk Israel, es ist die ganze erschöpfte Schöpfung. Der Weinberg der Welt mit Gift und Dünger zu Rekordernten gezwungen. Doch zu den zweifelhaften Früchten haben nur wenige Zugang. Die Mauern und Zäune sind hoch und gut bewacht. Die Mehrheit draußen verhungert. Der Weinberg Gottes, von Autobahnen durchschnitten, eingenebelt in giftige Wolken der Hochindustrie und in den Händen einer maßlos gierigen, korrupten Minderheit. Bluttat statt Guttat: Krieg auf der Welt, Folter, Gewalt, Vernichtung weltweit. Höllenfahrt statt Wohlfahrt. Schlechtigkeit statt Gerechtigkeit. Rechtsbruch statt Rechtsspruch.

 

Im Lied des Jesaja reagiert der Weingärtner konsequent. Er hört auf, im Weinberg zu arbeiten, ihn zu pflegen. Er überlässt ihn sich selbst, den selbstzerstörerischen Kräften der Verwüstung und Verwahrlosung.

 

Hat Gott den Weinberg, der keine Frucht bringen will, sondern nur Unrecht und Verderben, hat Gott diesen Weinberg bereits verlassen? Überlässt er uns unserem selbstgewählten tödlichen Schicksal? Ist alles zu spät und zwecklos, weil Gott den Untergang beschlossen hat?  Nein, es ist nicht alles zu spät - alles, was Jesaja prophezeite, ist schon längst vorüber, wie abertausende folgende Katastrophen auch – und die Menschheit hat überlebt, wird auch Corona überleben.

 

Gott hat seinen Weinberg nicht aufgegeben, aber er lässt der Menschheit ihren freien Willen, auch dann noch, wenn dieser Wille vernichtend und selbstzerstörerisch wird. Die Menschheit lebt mit freiem Willen, Gott hat ihr bis heute seine Freiheit niemals entzogen.

 

Diese gottgeschenkte, große Freiheit haben Menschen missbraucht und dann immer wieder Gott zum Vorwurf gemacht. Trotzdem hat die Menschheit überlebt. Ob wir noch leben, weil wir über Jahrtausenden blutiger, unfriedlicher Weltgeschichte nicht vergessen haben, dass alles einmal gut gedacht und gut gemacht war? Ob wir überleben werden, weil manche unter uns nicht aufgehört haben, Gott an seine Wohltaten zu erinnern, immer noch hoffen und beten?

 

Gott ist und bleibt der ursprüngliche und erste Gärtner seines Weinbergs. Trotz größtmöglicher, menschlicher Zerstörungswut gegen Turm und Kelter und Mauern, trotz Weltkriegen und gigantischen Naturkatastrophen ist der Glaube an einen hart arbeitenden, liebevollen Gärtner lebendig geblieben. Von den unzähligen Bildern, die in der Bibel von Gott gezeichnet werden, finde ich es eines der schönsten. Gott ist der, der Lebendiges wachsen lässt, fest verwurzelt in der Erde, aber Richtung Himmel hinauf. Gott wird von Jesaja als geduldiger Gärtner gedacht, der wartet und in Freiheit gedeihen lässt, was gut angelegt ist.

 

Gottes merkwürdige Passion, seine verrückte Leidenschaft für seinen Weinberg, seine große Liebe zu den Menschen, endet scheinbar in Jesus Christus tödlich. Doch wir hoffen, dass dieser Tod uns retten kann. Deshalb halten wir aus im Weinberg. Deshalb kämpfen wir gegen die Mächte der Zerstörung und des Todes, deshalb singen, predigen und beten wir gegen das Unrecht an, auch wenn wir uns dabei den Mund verbrennen. Es ist ja immer noch Gottes Weinberg, in dem etwas wächst und gedeiht, in dem wir immer noch wissen, was die guten Früchte sind, in dem wir auch immer noch die guten Trauben finden und unterscheiden können von den sauren.

 

Vaterunser

Vater unser im Himmel, geheiligt werde Dein Name,

Dein Reich komme, Dein Wille geschehe,

wie im Himmel, so auf Erden,

unser tägliches Brot gib uns heute, und vergib uns unsere Schuld,

wie auch wir vergeben unseren Schuldigern

und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen.

Denn Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit,

Amen

 

Segen

Gott begleite Sie mit seinem Segen, damit Sie die Wege gehen können, die er Ihnen vorangeht.

Gott behüte Sie in Ihrem Denken und Tun, damit Sie denken und tun, was er von Ihnen erwartet.

Gott sein Ihnen ein unverstellbares Licht, damit Sie nie im Dunkeln tappen und stolpern.

Gott sei Ihnen gnädig, damit Sie sich nicht mit neuer Schuld belasten müssen.

Gott schaue mit gütigen Augen auf Sie, wo immer Sie sind,

damit Sie seiner Gegenwart gewiss sein können.

Gott schenke Ihnen seinen Frieden, damit Sie ihm voller Gewissheit vertrauen können.

Gott gebe Ihnen sein unverbrüchliches „Ja“, damit Sie Ihr „Amen“ dazu sagen können.

 

 

1. Sonntag der Passionszeit „Invokavit“ – 21. Februar 2021

 

Mit diesem Sonntag beginnt die Passionszeit, in der wir über das Leiden (Passion) und Sterben Jesu nachdenken. 40 Tage dauert sie. Für viele beginnt damit auch eine Zeit des Fastens, des Verzichts, der dazu helfen soll, aufmerksam zu werden dafür, was das Leben trägt. Gott selbst macht uns aufmerksam, ruft uns (Invokavit: er ruft mich an).

 

Gebet

Guter Gott,

wir bedenken in der Passionszeit, dass Jesus für uns gestorben ist.

Dieser Gedanke ist nicht leicht zu verstehen.

Aber wir verstehen doch, dass es für unser Heil geschehen ist.

Wie oft stoßen wir an unsere Grenzen: sind nicht geduldig miteinander,

können einander nicht ertragen, können Streit nicht vermeiden, Streit und noch Schlimmeres.

Den Kreislauf von Gewalt und Gegengewalt zu durchbrechen - das können wir nicht allein,

daran scheitern wir immer wieder.

 

Du hast es an unserer Stelle geschafft.

In Jesus erkennen wir, dass der Tod nicht das letzte Wort hat,

dass dein Wille zum Leben stärker ist als all unsere Schuld, unser Versagen,

die den Tod bringen - den Tod mitten im Leben.

 

Darum hilf, dass wir mit offenen Herzen über das Sterben deines Sohnes nachdenken.

Gib, dass wir uns von deiner Liebe zu uns tragen lassen.

So entstehen Hoffnung und Zukunft, auch über den Tod hinaus.

Amen

 

Jesus, für uns am Kreuz gestorben – eine schwierige Vorstellung?!

Die biblischen Texte versuchen auf unterschiedliche Weise, diesen schwierigen Zusammenhang zu erklären. Der Autor des Hebräerbriefes zeichnet das Bild von Jesus als dem wahren Hohepriester nach alttestamentarischem Vorbild. Der Priester hat die Funktion eines Mittlers zwischen Gott und den Menschen. Er soll das gestörte Verhältnis von Mensch und Gott wiederherstellten. Als Mittler zwischen zwei Seiten taugt nur der, der beide Seiten kennt. Deshalb muss er zum einen aus der Mitte der Menschen ausgewählt sein. Zum anderen wird er von Gott berufen, durch seine Macht ins Amt gesetzt.

 

Diese Vorstellung überträgt der Briefschreiber auf Jesus. Jesus ist wahrer Mensch. Er leidet wie wir, befindet sich in äußerster Gottesferne, wird auf die Probe gestellt. Jesus steht deshalb mit seiner Fähigkeit des Mitleidens mitten unter uns. Er ist aus den Menschen für die Menschen ausgewählt. In einem aber unterscheidet er sich von allen Priestern: in ihm fällt eine grundsätzliche Entscheidung. Als er selbst der Versuchung ausgesetzt wird, kann er grundsätzlich wählen zwischen der Hoffnung, dem Glauben an Gott und dem Abfall in die Sünde. Jesus entscheidet sich für die Hoffnung, indem er der Versuchung widersteht. Darin erweist er Gott den Gehorsam, der ihm nach seinem furchtbaren Tod am Kreuz die Erlösung bringt, die allen Gläubigen verheißen ist. Durch die Auferstehung hat Gott Jesus in seinem Amt als Hohepriester bestätigt, hat ihn als seinen eigenen Sohn benannt. Nur so - als wahrer Mensch und wahrer Gott - konnte er zum Mittler werden. Er hat durch seine Lebenshingabe den Weg in Gottes Reich gebahnt, den wir als seine Geschwister nachgehen können. Er ist für uns alle zum Urheber des Heils geworden.

 

Mit dieser Deutung von Kreuz und Auferstehung Christi wagt der Schreiber des Hebräerbriefes etwas ganz Außerordentliches. Er versucht, die Heilsbedeutung Jesu Christi neu erfassbar zu machen. Er schreibt an Menschen, denen diese Bedeutung abhandengekommen ist. Sie sind glaubensmüde geworden, die Heilsbotschaft rüttelt sie nicht mehr auf. Denn die Frage ist übermächtig geworden, was denn dieser Jesus Christus überhaupt bewirken könne. Die Überzeugung hat sich breitgemacht, dass die Botschaft von seiner Auferstehung nur leeres Gerede ist, das an der Leidenssituation von Mensch und Welt nichts ändern kann.

Im Umgang mit dem Leiden haben wir daher unsere eigenen Strategien entwickelt. Sehr beliebt ist der Versuch, dem Leiden aus dem Weg zu gehen und es möglichst zu verdrängen. So gibt es für jedes Wehwehchen eine Tablette, Kranke brauchen wir nicht zu sehen, die liegen in sicherer Distanz im Krankenhaus. Sterbende können wir nicht sterben lassen. Und die Medizin gibt nicht auf, uns einzureden, jede Krankheit, jede Verfallserscheinung sei irgendwann heilbar. Auch Trauernden gehen wir lieber aus dem Weg.  Der Tod macht uns hilf- und sprachlos.

 

Ein anderer Versuch, der sich großer Beliebtheit erfreut, ist die totale Veröffentlichung von Leid: ein Millionenpublikum kann sich Tag für Tag im Fernsehen am Schmerz und Versagen einzelner ergötzen, die ohne jede Scham ihr Innerstes nach außen kehren. Leid hat ungeheuren Unterhaltungswert. Vielleicht kann man sich als Zuschauer*in mit einer Art fasziniertem Ekel freuen, dass es einem selbst nicht so geht. Vielleicht fühlt man sich in der immer anonymer werdenden Gesellschaft auch endlich einmal verstanden, weil es einem genau so geht.

 

Letztlich zeigen beide Weisen, mit dem Leid umzugehen, nichts als Hilflosigkeit. Mit Leid konfrontiert stellt sich die Frage nach dem Sinn des Lebens. Täglich erreichen uns über die Medien Geschehnisse, die grenzenloses Leid über Menschen bringen, die uns an die Grenzen unseres Verstehens tragen. Es scheint so, als hätte unser Glaube dieser täglichen geballten Ladung an Schrecken nicht viel entgegen zu setzten. Da ist kein Gott, den wir aus der Tasche zaubern könnten und der alles in Ordnung brächte. Da ist allein der Gekreuzigte. Und er trägt in seinem Schrei "Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?" das Leid der Menschen vor Gott. Er kann es, weil er es selbst erlebt hat. Er ist einer von uns und deshalb glaubwürdig. Er hat radikales Mitleid mit allen erwiesen, die ganz unten sind, die gequält und verachtet werden, die an eigener oder fremder Schuld scheitern. Er hat Solidarität geübt bis zur Selbstaufgabe. So steht er auf einer Stufe mit allen, die in der Tiefe der Gottverlassenheit wohnen.

 

Aber er lässt sich von dieser Gottverlassenheit nicht überrollen. Er hält fest an Gott, er beharrt auf dessen Güte, er behaftet Gott bei seinem Versprechen, den Menschen treu zu sein. Und Gott hat ihn nicht dem Tod überlassen. Dadurch hat er die scheinbare Allmacht der Sünde, die Unausweichlichkeit des Leidens durchbrochen. So ist Menschen, die selbst im Leid stecken, verheißen, dass sie nicht allein sind. Wir brauchen uns unserer Tränen nicht zu schämen, wir müssen unser Leid nicht verstecken. Vermeiden und Verdrängen hilft nicht aus dem Leid heraus. Allein die Gewissheit, dass all unser Schmerz nicht das letzte Wort hat, kann das.

 

Jesu Solidarität mit uns bewirkt, dass wir uns mit der Welt wie sie ist, nicht abfinden müssen. Jesus hat die Macht von Strukturen, die das Leben behindern, gesprengt. Als Geschwister Jesu, in seiner Nachfolge sind wir wachgerüttelt und gehen aufmerksam durch die Welt. Ernüchtert von vielem, was wir sehen. Aber nicht ohne Hoffnung. Über unserer manchmal so dunklen Erde ist der Himmel offen. Wir leben auf ihr mit Oberlicht. Wir leben mit einem Fuß in Gottes Zeit und warten auf die Erfüllung seines Reiches in Gerechtigkeit und Frieden. Die Freude darauf und die Gewissheit, dass Gott mit uns geht, treibt uns an und hält uns in Bewegung.

 

Vaterunser

Vater unser im Himmel, geheiligt werde Dein Name,

Dein Reich komme, Dein Wille geschehe,

wie im Himmel, so auf Erden,

unser tägliches Brot gib uns heute, und vergib uns unsere Schuld,

wie auch wir vergeben unseren Schuldigern

und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen.

Denn Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit,

Amen

 

Segen

Gott, segne uns mit der Gewissheit,

dass der Stein vor dem Grab weggerollt ist,

führe unser Leid und unsere Trauer in eine neue, lebendige Kraft,

und lass es geschehen, dass wir aufbrechen können. Amen

 

 

Sonntag vor der Passionszeit „Estomihi“ – 14. Februar 2021

 

Hanns Dieter Hüsch – Jesaja 58

Lass los, die du mit Unrecht gebunden, lass frei, die du in Ketten gelegt,

befreie die, die du belastest, reiß alles nieder, was deinen Nächsten niederdrückt.

Brich dem Hungrigen dein eigenes Brot, und dem, der im Elend haust, baue ein Haus.

Wenn du einen in Lumpen siehst, zerfetzt und nackt, dann kleide ihn, wärme ihn mit deiner Güte,

umhülle ihn mit deiner Liebe, entziehe dich ihm nicht, sondern zieh ihn aus dem Elend heraus.

Dann wir ein Licht aufleuchten wie in der Morgenröte, und alles wird hell werden auf der Erde.

Deine Gerechtigkeit wird wie ein Lauffeuer vor dir hereilen,

und die Unendlichkeit Gottes wird hinter dir herwandern und dir den Rücken stärken.

Wenn ich rufe, wird Gott da sein, wenn ich nach ihm schreie, wird er mit antworten:

„Siehe, hier bin ich!“

 

Vom Sinn des Fastens nach einem Jahr Corona

Estomihi (Das ist der lateinische Beginn des Psalms 31 und bedeutet „Sei mir (ein starker Fels)“.) - das ist normalerweise ein merkwürdiger Sonntag. Er gehört in die Passionszeit, er markiert ihren Auftakt, er will hinführen zum Nachdenken über Jesu Weg ans Kreuz. Wenn nicht Corona wäre, würden wir morgen aber Karneval feiern, also Feiern und Tanzen bis zum Abwinken. Erst am Aschermittwoch ist alles vorbei. Dann wird die Fasnacht zu Grabe getragen, dann beginnt die Fastenzeit.

 

In der Fastenzeit wurde und wird verzichtet - auf bestimmte Lebensmittel, die früher Luxus waren, auf besonderen Schmuck oder Kleidung, auf Feste, auf laute Fröhlichkeit. Verzicht war angesagt auf alles, was ablenken konnte von der Vorbereitung auf die Karwoche. Und weil alle fasteten, war es für den/die einzelne/n wohl nicht so schwer, diesen Verzicht auch durchzuhalten.

 

Corona bedingt haben wir quasi seit einem Jahr Fastenzeit. Wir sind müde geworden, gereizt, wollen einfach nur, dass es endlich vorbei ist. Da ist es auch kein Trost, dass es allen so geht. Kann es trotzdem eine Motivation für das Fasten geben?

 

Der Sonntag Estomihi will uns die Fastenzeit ansagen als eine Zeit, in der wir uns beschränken sollen auf das Wesentliche im Leben. Das haben wir auch schon seit fast einem Jahr getan. Aber es soll eine Zeit sein, die wir bewusst erleben als von Gott bestimmte und getragene Zeit - keine Zeit der Einschränkung um des Virus willen oder des Sparens oder des Abnehmens, sondern eine Zeit, in der der Verzicht reich machen kann an Erfahrung und an einem vertieften Bewusstsein. Der Wunsch nach einer intensiveren Gotteserfahrung steht dahinter, nichts anderes. In diesem Sinne sollte schon zur Zeit des Alten Testaments gefastet werden.

 

Vom Propheten Jesaja ist eine Fastenpredigt überliefert. In ihr geht es um rechtes und unrechtes Fasten: die Volksgenossinnen und Volksgenossen des Jesaja fasteten zwar um Gottes Willen, lebten aber ansonsten wie es ihnen gefiel, und das heißt: sie lebten unsozial: sie bedrückten die Arbeiter, zankten und stritten, gingen ihren Geschäften nach, in denen sie ihren Vorteil suchten. An solchem Fasten hat Gott keine Freude. Rechtes Fasten, an dem Gott Freude hat, dem er Gehör schenkt, sieht so aus, wie Jesaja es im 58. Kapitel beschreibt: Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn, und entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut! Wenn du in deiner Mitte niemand unterjochst und nicht mit Fingern zeigst und nicht übel redest, sondern den Hungrigen dein Herz finden lässt und den Elenden sättigst, dann wird dein Licht in der Finsternis aufgehen, und dein Dunkel wird sein wie der Mittag.

 

Was Jesaja im Auftrag dessen, der ihn gesandt hat, in seiner Fastenpredigt kritisiert, ist die Perspektive des Fastens. Sie richtet sich nämlich ausschließlich auf Gott und verfehlt ihn gerade wegen dieser Ausschließlichkeit. Das ist das Paradoxe - an einem Fasten, das Gott allein die Ehre gibt, an dem will Gott sich nicht freuen, wenn die Kehrseite dieses Fastens in der Missachtung oder auch nur dem Nicht-Beachten der anderen besteht. Scheinheilig nennen wir so ein Verhalten, bigott oder frömmelnd.

 

Wenn wir also fasten, wenn wir freiwillig auf Dinge verzichten, die wir ohnehin nicht brauchen, dann macht es nur Sinn, wenn wir dabei sofort an die denken, die auch heute noch unter schweren Bedingungen leben müssen. Unser Fasten sollte für uns bedeuten, dass wir Abgeben von unserem Überfluss, dass wir auf Dinge verzichten, die uns auf dem Rücken viel Ärmerer ermöglicht werden: so wird bei uns z.B. Kaffee immer billiger, die Kaffeepflücker/innen bekommen natürlich deshalb immer weniger Geld. Wir freuen uns meist kurzsichtig über billigen Kaffee, über Sonderangebote. Dabei wäre es viel besser für die, die uns den Kaffee ernten, wenn wir teuren Kaffee aus fairem Handel kauften.

 

Es geht dabei nicht um bloßes Almosengeben, um eine kurze Beruhigung des schlechten Gewissens mit Hilfe des Geldbeutels. Es geht um eine Eingliederung der Schwachen, seien es nun arme, kranke, alte oder ausländische Mitbürgerinnen und Mitbürger. Das Abgeben von Materiellem ist deshalb nur Teil einer Haltung, die konsequent Partei ergreift für die Schwachen, die auch hier in unserer demokratischen Gesellschaft Unrecht erleiden. Nicht, dass uns durch Corona mehr und mehr die Solidarität in der Gesellschaft abhandenkommt.

 

Jesaja beschreibt dieses „Solidarisch-Sein“ mit wunderschönen Bildern: Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte, dann wird dein Licht in der Finsternis aufgehen und dein Dunkel wird sein wie der Mittag. Und du wirst sein wie ein bewässerter Garten und wie eine Wasserquelle, der es nie an Wasser fehlt.

 

Der Einsatz für die, die an den Rand gedrängt werden, verwandelt uns. Es gibt einen Zusammenhang zwischen unserem Wohlbefinden und dem Wohlbefinden bedürftiger Menschen. Ja mehr noch: Gott bindet unser Heil an das Heil dieser Menschen. Auf solchem rechten, gottwohlgefälligen Fasten liegt also seine Verheißung.

 

Wenn wir solche Menschen würden - und einer solidarischen Lebenseinstellung, die gegen soziale Ungerechtigkeit Stellung bezieht, ist dieses Menschsein verheißen - wenn wir wirklich solche Menschen würden, dann könnte auch von uns wie im Jesaja Text gesagt werden: du sollst heißen: „Der die Lücke zumauert und die Wege ausbessert, dass man da wohnen könne“.

 

Vaterunser

Vater unser im Himmel, geheiligt werde Dein Name,

Dein Reich komme, Dein Wille geschehe,

wie im Himmel, so auf Erden,

unser tägliches Brot gib uns heute, und vergib uns unsere Schuld,

wie auch wir vergeben unseren Schuldigern

und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen.

Denn Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit,

Amen

 

Segen

Gott segne und behüte uns.

Gott öffne unsere Ohren und Augen

für das, was damals Menschen angetan wurde,

für das, was heute Menschen angetan wird.

Gott sei ganz Ohr und Aug in uns,

auf dass die Welt heil werde.

Amen

 

 

 

2. Sonntag vor der Passionszeit – 7. Februar 2021

 

Wochenspruch: Heute, wenn ihr seine (Gottes) Stimme hören werdet, so verstockt eure Herzen nicht. (Hebr. 3,15)

 

Brett vorm Kopf

Ein junger Mann machte sich auf den Weg zu Gott, um ihn um etwas Glück zu bitten. Unterwegs traf er einen Bären. „Wenn du mit Gott sprichst, dann frag ihn mal, warum ich immer zu wenig zu essen habe“, bat der Bär. Eine Frau, an der er vorbeilief, rief dem jungen Mann zu: „Frag Gott mal, ob er nicht etwas gegen meine ständige Traurigkeit tun kann“. Und ein Stück weiter jammerte ein Baum: „Ich bin schon seit Jahren so klein. Sag Gott, er soll mir helfen zu wachsen.“

Bei Gott angekommen brachte der Mann seinen Wunsch nach mehr Glück im Leben vor. Gott war sofort einverstanden. Auch auf die Fragen des Baumes, der Frau und des Bären antwortete Gott bereitwillig. Der Mann konnte nun kaum erwarten, dass sein Leben im Glück begann, und machte sich eilig auf den Heimweg.

Dem Baum rief er im Vorbeilaufen zu: „Gott sagt, du kannst nicht wachsen, weil zwischen deinen Wurzeln ein dicker Schatz vergraben liegt!“

Die Frau hätte er fast übersehen, drehte sich aber noch mal kurz um: „Gott meint, du bist so traurig, weil du einsam bist. Aber es wird ein junger Mann vorbeikommen, und ihr könntet euch verlieben und zusammen glücklich werden. Nun muss ich aber schnell weiter – mein neues Leben wartet!“

Dann traf er den Bären. Schon von Weitem rief er ihm zu: „Es tut Gott leid, dass du zu wenig zu essen hast. Aber ich soll dir sagen: Falls der Narr weit genug kommt, um dir das auszurichten, kannst du ihn zum Mittagessen haben.“

(in: Andere Zeiten. Das Magazin zum Kirchenjahr 1/2021, Hamburg, S.24)

 

Auf Gottes Stimme zu hören, bringt Glück, aber man muss offen dafür sein und darf kein Brett vor dem Kopf haben.

 

Es gibt Situationen, in denen wir das Wort Gottes hören, aber ihm nicht glauben. Unsere rationale, technisierte Weltanschauung macht den Glauben manchmal fast unmöglich. Auch die Kirche selbst macht manchmal das Glauben schwer. Ihr Verhalten entspricht nicht immer ihrer Verkündigung. Ein Beispiel dafür ist ihre Rolle im Dritten Reich. Und auch heute erscheint mir die Reaktion der Kirche auf Entwicklungen in unserem Land oft zu lasch. Daneben lässt die tägliche Dosis an Horrornachrichten den Glauben an Gottes Reich, an sein Leben schaffendes Wort erlöschen. Wo ist denn Platz für Gott in einer Welt, in der andauernd Kriege geführt werden, in der täglich abertausende von Menschen verhungern, in der Kinder missbraucht und getötet werden, in der wir seit einem Jahr unter einer Pandemie leiden?

 

Dann gibt es Situationen, in denen wir das Wort Gottes hören, ihm auch glauben, aber diesen Glauben nicht durchhalten. Mit der Nächstenliebe ist das so eine Sache. Oft kommt man mit Freundlichkeit und Rücksichtnahme nicht weit. Die Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt wird für viele immer härter, so dass sie zu Einzelkämpfer/innen für die eigene Existenz werden. Aufgrund der knapper werdenden finanziellen Mittel werden alle, die von der Allgemeinheit getragen werden müssen, plötzlich zur Belastung. Das Vertrauen auf christliche Werte bringt hier keine schnellen Erfolge, und so geht uns oft die Puste aus.

 

Aber auch innere Umstände können dazu führen, dass wir nicht glauben können, weil wir Verletzungen in uns tragen, die jeden schwachen Funken Glauben ersticken: gescheiterte Beziehungen, schlimme Krankheiten, Einsamkeit… Dass es dann sehr schwer fällt, an Gottes Liebe, die alle Grenzen überwindet, zu glauben, ist verständlich. Auch fragt sich jede und jeder von uns irgendwann nach dem Verhältnis von Aufwand und Ertrag in unserem Leben. Und es kann dazu kommen, dass die Vergeblichkeit, die Nutzlosigkeit, die Sinnlosigkeit von allem so überdeutlich ist, dass es zwecklos scheint, noch weiter gegen das Fiasko anzukämpfen, man gibt sich und jede Hoffnung auf.

 

Gott weiß das alles. Ja, man kann das Leben, weiß Gott, so sehen: als eine Kette von Misserfolgen, als eine nicht endende Abfolge von verdorbenen und fruchtlosen Anstrengungen, als eine ermüdende Anhäufung von Aussichtslosigkeiten und vertanen Mühen. Und doch ist das Wesentliche, dass trotz aller Ausfälle, trotz all der verdorbenen Erwartungen und Lebensmöglichkeiten am Ende der Ertrag übergroß ist. Es ist Gott möglich, am Ende trotzdem, trotz all der zweifellos vorhandenen Rückschläge, unser Leben für sich als erfolgreich zu verbuchen.

 

Wir brauchen so eine Welt, die Menschen Gedeihen ermöglicht. In der Begegnung mit Jesus entsteht eine solche Welt. Er kann Wunden heilen, Leben neu schaffen. Er macht uns Mut, seinen Weg mitzugehen, er räumt uns die Steine aus dem Weg, Er will uns eine Welt bereiten, die uns zum fruchtbaren Boden wird, in der unsere Wunden heilen können und wir gedeihen, damit auch sein Wort gedeihen kann. Er will die Welt verwandeln, er schafft uns Leben, damit sein Wort in uns lebt. Und all das können wir spüren und erleben – wir dürfen nur kein Brett vor dem Kopf haben. Überall dort, wo Gemeinschaft gelingt. Wenn ich mir einen Ruck gebe und einen alten Streit aus dem Weg räume, wenn ich endlich mit jemandem Kontakt bekommen habe, Freundschaft entsteht, wenn ich mich geborgen und angenommen fühle, wenn andere mir Wertschätzung entgegenbringen, wenn meine Erfahrungen für andere wichtig werden, all das sind solche Situationen.

 

Gott kennt unsere Bedrängnisse und Lebensängste genau. Er hält uns mit ihnen in seiner Hand. Wenn wir das wahrnehmen, nehmen wir das Brett vom Kopf und bekommen die Welt und unser Glück neu in den Blick.

 

Gebet

Gott, irgendwo in mir spüre ich deine Gegenwart

als Unruhe, die mich weitertreibt, zumeist.

Als Frage, die mich nicht schlafen lässt.

Als kleines Glück manchmal.

Als Freude und Frieden am Abend bei Kerzenschein.

Vielleicht hast du zu tun mit der Freundschaft zweier Menschen.

Mit dem kleinen Mut für den neuen Schritt in den Tag.

Mit dem Lächeln eines Menschen, der mich meint.

Gott, ich bitte dich nur dies:

Bleib in mir als Unruhe, die schöpferisch macht.

Und als Kraft, die meine Schwachheit trägt.

Und als Ziel auf meinem Weg.

Amen

 

Vaterunser

Vater unser im Himmel, geheiligt werde Dein Name,

Dein Reich komme, Dein Wille geschehe,

wie im Himmel, so auf Erden,

unser tägliches Brot gib uns heute, und vergib uns unsere Schuld,

wie auch wir vergeben unseren Schuldigern

und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen.

Denn Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit,

Amen

 

Segen

Mögen die Regentropfen sanft auf dein Haupt fallen.

Möge der weiche Wind deinen Geist beleben.

Möge der sanfte Sonnenschein dein Herz erleuchten.

Mögen die Lasten des Tages leicht auf dir liegen.

Und möge unser Gott dich hüllen in den Mantel seiner Liebe.

 

 

Letzter Sonntag nach Epiphanias - 31. Januar 2021

 

 

Meinungsvielfalt – eine schwierige Sache

 

Gerade in der Corona Pandemie erleben wir das dauernd: der eine sagt dies, die andere das zum Thema: Gibt es überhaupt Corona? Was sind sinnvolle Schutzmaßnahmen? Impfen, ja oder nein? Und auch so abstruse Behauptungen wie: Corona sei Teil einer Weltverschwörung. Für jede Meinung gibt es auch (vermeintliche) Expert/innen. Was soll man da noch glauben? Was ist die Wahrheit?

Eine uralte Frage, eine Menschheitsfrage, auf die es bis heute keine Antwort gibt, die sich weltweit durchsetzen könnte. Es gab schon immer eine Pluralität von Meinungen, eine ganze Auswahl von Ideologien und Religionen, die für sich beanspruchen, die Wahrheit herausgefunden zu haben. Das Christentum ist da keine Ausnahme.

Meinungsvielfalt verunsichert. Woran soll man sich denn noch halten, wenn nichts mehr verbindlich ist? Leben kann jede und jeder, wie sie oder er will. Glauben auch. Auch das ist für das Christentum nichts Neues. Immer wieder waren die alten Traditionen dem jeweiligen Zeitgeist ausgesetzt. Der Petrusbrief aus dem Neuen Testament spiegelt solch eine Situation wider: in einer christlichen Gemeinde brach im ersten Jahrhundert Streit aus. Es ging um die Frage, ob und wann Christus zum Gericht wiederkommen würde.

Die einen erwarteten kein Gericht mehr, hielten diese Verkündigung für eine längst überholte Fabel. Die anderen wollten die überlieferten Glaubenswahrheiten nicht einfach aufgeben. Sie riefen zurück zum Festhalten an den Traditionen. Sie wollten einem aufgeklärten, zeitgemäßen Umgang mit den alten Verheißungen keinen Raum geben. Ein Brief tauchte auf, angeblich das Testament des Petrus. Mit der Autorität des Petrus sollten die Gemeindeglieder wieder auf Linie gebracht werden.

Das passiert bis heute in der Kirche, dass sich Traditionalist/innen und Freidenker/innen gegenüberstehen. Beide berufen sich auf die Bibel und kommen zu ganz unterschiedlichen Ergebnissen, besonders in ethischen Fragen. Schlimm wird der Streit vor allem dann, wenn es um Politik und Moral geht.

Meinungsvielfalt, Meinungsverschiedenheit an sich sind nicht schlimm. Die große Frage ist: Wie gehen wir mit dieser Vielfalt der Meinungen, der Wahrheiten um? Eine Möglichkeit, vielleicht eher der moderne Weg, ist Toleranz. Wir verzichten einfach auf alle überindividuellen Wahrheitsansprüche. Jede und jeder hat den eigenen Glauben, historisch und kulturell bedingt. Die Gefahr ist, dass es keine Verbindlichkeiten mehr gibt, dass letztlich der Glaube gleichgültig wird.

Die andere Möglichkeit, der Weg des Petrusbriefes, ist das Zementieren der eigenen Position durch Autoritätsargumente und unbeweisbare Wahrheitsansprüche. Die Gefahr ist die Angst vor den anderen Meinungen, die Angst vor der Vielfalt und dem Fremden. Es ist eine Angst, die intolerant macht, eine Angst, die für Andersdenkende gefährlich, ja sogar lebensbedrohlich werden kann. Das gilt auch für die Verschwörungstheorien, die durch die Corona-Pandemie Hochkonjunktur haben.

Aber der Petrusbrief ist nicht nur ein solches Dokument der Angst. Mit Zähnen und Klauen verteidigt er die Verkündigung von der Wiederkunft Christi zum Gericht. Auch uns heute ist diese Hoffnung fremd geworden. Bis heute ist die Wiederkunft Christi nicht geschehen. Und doch ist diese Hoffnung unaufgebbar für unseren Glauben. Mit der Leugnung der Wiederkunft Christi zum Gericht wird dem Glauben die Zukunft genommen. Was ist, wenn der Glaube seine Zukunft verliert?

Ohne Zukunft wird der Glaube zum Märchen. Biblische Geschichten werden zu Legenden über den lieben Gott, die vielleicht gerade noch dazu dienen können, unsere Traditionen zu erklären. Ohne Zukunft ist die Geschichte Gottes mit seinem Volk leere Erinnerung. Ohne Zukunft ist der Glaube tot.

Die Geschichte Gottes mit den Menschen ist voll von Verheißungen, weist über sich hinaus in eine Zukunft, die diese Geschichte bestätigen wird. Jesus hat uns den Willen Gottes mit den Menschen nahgebracht. In ihm sind alte Verheißungen wahr geworden: er versöhnte Menschen miteinander und mit Gott, heilte sie, er veränderte gesellschaftliche Verhältnisse. Er machte es möglich, dass Gottes Reich mitten in unserer Welt aufscheinen konnte. Die Zukunft, die so in unsere Gegenwart ragt, das Reich Gottes im hier und jetzt, ist aber immer nur punktuell und unsicher erfahrbar. Deshalb leben wir auf Hoffnung hin. Wir müssen warten, bis Gott uns mit seinem Reich entgegenkommen wird.

Es ist zwar alles schon da, aber es steht auch alles noch aus: das verheißene Reich Gottes kommt von vorn, aus der Zukunft auf uns zu. Bis es anbricht haben wir allein die biblischen Überlieferungen, die uns in dieser Verheißung vergewissern. Wir werden immer verschiedener Meinung darüber bleiben, wie genau Gottes Vorstellungen von unserem Leben mit ihm und untereinander aussehen. Aus uns heraus werden wir keine letzte Gewissheit haben. Wir sind darauf angewiesen, dass Gott selbst die Wahrheit ans Licht bringt.

So brauchen Meinungsvielfalt und Meinungsverschiedenheit nicht ängstlich vermieden zu werden. Im Gegenteil: die Vielfalt der Meinungen ist von Gott gewollt und herbeigeführt, deutlich zu sehen am Sprachenwunder zu Pfingsten. Diese Vielfalt der Meinungen ist gut zu ertragen, wenn wir akzeptieren, dass wir selbst die Wahrheitsfrage nicht beantworten können. Ich denke, auch dem Schreiber des Petrusbriefes war das bewusst. Aus einem Dokument der Angst vor der anderen Meinung wird so ein Dokument des Vertrauens. Wir können in unerschrockene, fruchtbare Auseinandersetzung über Gottes Willen treten. Wir dürfen leben im Vertrauen. Es ist das Vertrauen auf Gott, der uns festhält und bewahrt, der uns schützt und doch für seine Wahrheit eintritt und sie  - auch gegen uns  - durchsetzt.

 

Gebet

Guter Gott,

unterschiedlich sind die Wege, die wir in der vergangenen Woche gegangen sind;

unterschiedlich sind die Erfahrungen, die wir gemacht haben;

unterschiedlich sind unsere Gedanken zum Glauben und Leben.

Auch das, was uns belastet und unser Leben schwermacht,

bleibt auch in Corona-Zeiten unterschiedlich.

Vor dir können wir es ausbreiten und vorsichtig miteinander teilen, denn gemeinsam ist uns:

Wir sind von dir geliebt.

So hilf uns in der Vielzahl der Stimmen, die an unser Ohr dringen,

die Stimme zu hören, die uns meint.

In der Vielzahl der Worte, die unsere Aufmerksamkeit fordern, die Botschaft zu hören, die uns trägt.

In der Vielzahl der Appelle, die uns erreichen, den Ruf zu hören, der uns bewegt.

Amen

 

Vaterunser

Vater unser im Himmel, geheiligt werde Dein Name,

Dein Reich komme, Dein Wille geschehe,

wie im Himmel, so auf Erden,

unser tägliches Brot gib uns heute, und vergib uns unsere Schuld,

wie auch wir vergeben unseren Schuldigern

und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen.

Denn Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit,

Amen

 

Segen

Gott sei vor dir, um dir die Angst zu nehmen.

Gott sei hinter dir, um dir den Rücken zu stärken, damit du aufrecht bleibst.

Gott sei neben dir, sodass du nicht allein gehst.

Gott sei um dich wie ein Zelt, in dem du Zuflucht und Ruhe findest.

Gott sei in dir, damit du voller Energie in die guten und schweren Tage gehst, die vor dir liegen.

Amen

 

 

 

Dritter Sonntag nach Epiphanias - 24. Januar 2021

 

Gedanken zum Buch Rut

Die Geschichte, um die es im Predigttext für diese Woche geht, handelt von einer Fremden, die nicht zum Volk Israel gehört, und dennoch für das Volk Israel etwas Großes tut und dadurch Gott die Ehre gibt. Rut heißt diese Frau. Ein kleines Büchlein in der Bibel erzählt ihre Geschichte und ist nach ihr benannt. Die Geschichte ist im Grunde eine Art Märchen.

Es war einmal eine Frau mit Namen Noomi, die war verheiratet mit Elimelech. Sie lebten in Bethlehem. Eines Tages bricht eine große Hungersnot über das Land, und Elimelech und Noomi beschließen, das Land zu verlassen. Sie gehen mit ihren beiden Söhnen nach Moab, in der Hoffnung, dort zu überleben. Dort in der Fremde aber, wo sie einfach nur leben wollen, stirbt Elimelech, der Vater der Familie. Noomi bleibt mit ihren beiden Söhnen allein - das Leben geht trotz allem irgendwie weiter. Die Söhne heiraten moabitische Frauen, Orpa und Rut. Das ist ungewöhnlich, denn eigentlich ist es den Israeliten verboten, ausländische Frauen zu heiraten. Bevor sie Kinder bekommen, sterben auch die beiden Söhne.

Soviel Leid, soviel Tod auf einmal an dem Ort, der ihnen doch eigentlich das Überleben sichern sollte! "Nichts ist schlimmer für eine Mutter, als ihr Kind zu verlieren", sagte mir einmal eine Frau. Noomi wird bitter. Wer wird angesichts des Todes von geliebten Menschen nicht bitter gegen das Leben, gegen die Menschen, gegen Gott? Noomi, Orpa und Rut klagen gemeinsam, weinen zusammen, versuchen, beieinander Halt zu finden.

Zur damaligen Zeit waren nur verheiratete Frauen materiell versorgt. Für Witwen - und dann noch ohne Kinder (als zukünftige Versorger) - war das Leben schwer. So waren Witwen damals auf das Wohlwollen ihrer Verwandten angewiesen. Daher beschließt Noomi, den Gräbern den Rücken zu kehren und in ihre Heimatstadt zu ihren Verwandten zurück zu gehen.

Orpa will ihr Land nicht verlassen. Sie verabschiedet sich unter Tränen von ihrer Schwiegermutter Noomi. Sie konnten einander Trost geben in der Trauer. Nun können sie einander loslassen, dankbar für das Gewesene. Rut aber bleibt. Sie will mit Noomi ziehen. Sie sagt: „Wo du hingehst, da will ich auch hingehen; wo du bleibst, da bleibe ich auch. Dein Volk ist mein Volk, und dein Gott ist mein Gott.“ Starke und entschiedene Worte. Anstatt einen Mann für sich zu suchen, um sich ihren Lebensunterhalt zu sichern, folgt sie der Witwe in ein fremdes Land. Das Land Israel, in dem es die Regelung gab, dass der nächste Verwandte des verstorbenen Mannes die verwitwete kinderlose Ehefrau heiraten sollte, um mit ihr Nachkommen zu zeugen, die den Namen der Familie fortführen. Noomi aber ist schon zu alt, um noch Kinder zu bekommen. Und Rut ist eine Ausländerin, die nach dem Gesetz nicht in die jüdische Gemeinschaft aufgenommen werden darf. Niemand würde sie heiraten. Wie sollen die beiden Frauen überleben?

Sie schaffen es, gemeinsam. Rut zieht mit einigen kleinen Tricks die Aufmerksamkeit von Boas, einem reichen Verwandten Noomis, auf sich und überzeugt ihn davon, mit ihr diese "Schwagerehe" einzugehen. Rut findet Aufnahme in das jüdische Volk, Noomi bekommt einen Enkel, für sie wie ein neuer Sohn. Er heißt Obed. Obed ist mehr als der Namensträger der Familie und die Altersversorgung für Noomi, er ist das Zeichen der Treue und Liebe Gottes. An der Solidarität einer fremden Frau offenbart sich die Solidarität Gottes. Der Leben schenkende Gott offenbart sich in Leben gebenden Menschen.

Deshalb ist das Buch Rut mehr als eine schöne Geschichte mit Happyend: es ist eine Geschichte vom Überleben einer Katastrophe, vom neuen Leben nach vielfachem Tod. Es ist eine Geschichte, die auf die soziale Realität von Frauen in der damaligen Zeit aufmerksam macht, die nur "etwas wert" waren, wenn sie Söhne gebären - in einigen Ländern ist das leider auch heute noch so.

Es ist eine Geschichte der Solidarität unter Frauen, die das scheinbar Unmögliche möglich machen. Eine Geschichte von Frauen, die nicht um Schönheit, Anerkennung und den besseren Ehemann konkurrieren, sondern Weggefährtinnen werden.

Es ist auch eine Geschichte der Solidarität mit der Fremden, mit einer Frau am Rande der Gesellschaft. Boas nimmt sich ihrer an und macht deutlich, dass die Überwindung kultureller und religiöser Grenzen möglich ist, ja sogar zu neuem Leben führt.

Es ist eine Geschichte von einer Heimat, in der man nicht immer war, sondern in die man kommt, die zur Heimat wird. Die Zugehörigkeit zu einem Volk entscheidet sich nicht an jenem ominösen "Blut", sondern an der Entscheidung, zu den Menschen eines Volkes gehören zu wollen, im Lande eines Volkes wohnen und leben zu wollen, die Normen und Gesetze eines Volkes als die eigenen annehmen zu wollen.

Es eine Geschichte von der Kostbarkeit neuen Lebens. Das große Willkommen, das Obed bereitet wird, macht uns auf unser aller Aufgabe aufmerksam, den Kindern in unserem Land, in unserer Welt gute Orte des Lebens zu schaffen. Gott selbst kam einst als ein Kind in unsere Welt.

Und schließlich ist es eine Geschichte der Hoffnung. Dass das Leben trotz Tod und Trauer sich immer wieder neu Bahn bricht und Gott uns auf unseren Wegen in neue und vielleicht fremde Gefilde nicht allein lässt.

 

Gebet

Guter Gott,

immer wieder begegnen uns Menschen, die uns beeindrucken und Respekt abverlangen.

Sie leben vor, wie du dir unser Miteinander vorstellst.

So bitten wir für Menschen wie Naomi, die sich mutig auf neue, ungewöhnliche Wege begeben; die erfinderisch sind, wenn es darum geht, Leben zu ermöglichen; die sich nicht von Konventionen auf einengende Lebensentwürfe oder Rollenklischees festlegen lassen.

Wir bitten für Menschen wie Rut, die für andere einstehen; die ein gegebenes Versprechen nicht zurücknehmen; die für gelingendes Leben bereit sind, sich selbst zu geben.

Wir bitten für Menschen wie Boas, die die Notlagen anderer nicht ausnutzen; die ihre Macht nicht zu ihrem Vorteil einsetzten; die sich vermeintlich Schwächeren gegenüber fair und gerecht verhalten.

Immer wieder begegnen uns aber auch Menschen wie Orpa, die sich nicht trauen, Neues zu wagen, die lieber im Alten unglücklich sind, als neue Wege auszuprobieren. Stelle ihnen Menschen zur Seite, die ihnen Mut für den Schritt in eine neue Zukunft machen. Schenke ihnen Vertrauen in deine Begleitung,

Amen

 

Vaterunser

Vater unser im Himmel, geheiligt werde Dein Name,

Dein Reich komme, Dein Wille geschehe,

wie im Himmel, so auf Erden,

unser tägliches Brot gib uns heute, und vergib uns unsere Schuld,

wie auch wir vergeben unseren Schuldigern

und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen.

Denn Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit,

Amen

 

Segen

Gottes verspricht: Ich bin da

In die Lichtblicke deiner Hoffnung und in die Schatten deiner Angst,

in die Enttäuschungen deines Lebens und in das Geschenk deines Zutrauens

lege ich meine Zusage: Ich bin da.

 

In das Dunkel deiner Vergangenheit und in das Ungewisse deiner Zukunft,

in den Reichtum deines Schweigens und in die Armut deiner Sprache

lege ich meine Zusage: Ich bin da.

 

In die Fülle deiner Aufgaben und in die Leere deiner Geschäftigkeit,

in die Vielzahl deiner Fähigkeiten und in die Grenzen deiner Begabung

lege ich meine Zusage: Ich bin da.

 

In die Freude deines Erfolgs und in den Schmerz deines Versagens

in das Wunder deiner Zuneigung und in das Leid deiner Ablehnung

lege ich meine Zusage: Ich bin da.

 

In die Enge deines Alltags und in die Weite deiner Träume und in die Kräfte deines Herzens

lege ich meine Zusage: Ich bin da.

 

 

2. Sonntag nach Epiphanias, 17. Januar 2021

(von Prädikant Peter Herkenrath)

 

Predigttext: Johannes 2, 1-11

1Und am dritten Tage war eine Hochzeit zu Kana in Galiläa, und die Mutter Jesu war da. 2Jesus aber und seine Jünger waren auch zur Hochzeit geladen. 3Und als der Wein ausging, spricht die Mutter Jesu zu ihm: Sie haben keinen Wein mehr. 4Jesus spricht zu ihr: Was habe ich mit dir zu schaffen, Frau? Meine Stunde ist noch nicht gekommen. 5Seine Mutter spricht zu den Dienern: Was er euch sagt, das tut. 6Es standen aber dort sechs steinerne Wasserkrüge für die Reinigung nach jüdischer Sitte, und in jeden gingen zwei oder drei Maß. 7Jesus spricht zu ihnen: Füllt die Wasserkrüge mit Wasser! Und sie füllten sie bis obenan. 8Und er spricht zu ihnen: Schöpft nun und bringt’s dem Speisemeister! Und sie brachten’s ihm. 9Als aber der Speisemeister den Wein kostete, der Wasser gewesen war, und nicht wusste, woher er kam – die Diener aber wussten’s, die das Wasser geschöpft hatten –, ruft der Speisemeister den Bräutigam 10und spricht zu ihm: Jedermann gibt zuerst den guten Wein und, wenn sie trunken sind, den geringeren; du aber hast den guten Wein bis jetzt zurückgehalten. 11Das ist das erste Zeichen, das Jesus tat. Es geschah zu Kana in Galiläa, und er offenbarte seine Herrlichkeit. Und seine Jünger glaubten an ihn.

 

Gedanken zum Predigttext

Wunder – die könnten wir jetzt gut gebrauchen. In diesen dunklen Januartagen, in dieser dunklen, von der Corona-Epidemie geprägten Zeit. Von einem Wunder Jesu erzählt der Bibeltext. Jesus ist mit seinen Jüngern und seiner Mutter auf einer Hochzeit in Kana, unweit seiner Geburtsstadt Nazareth eingeladen. Als der Wein ausgeht, sorgt Jesus dafür, dass sich Wasser in großen Wasserkrügen in Wein verwandelt. „Das ist das erste Zeichen, das Jesus tat … er offenbarte seine Herrlichkeit“, lesen wir am Ende unseres Textes. Jesus, der Wundertäter, so wie wir ihn uns vielleicht vorstellen.

Doch es bleiben mir Fragen an den Text. Jesu Mutter hatte ihm vorsichtig angedeutet, dass er doch vielleicht helfen könne, als auf der Hochzeitsparty der Wein ausging. Warum weist Jesus seine Mutter daraufhin so schroff zurück: „Was habe ich mit dir zu schaffen, Frau? Meine Stunde ist noch nicht gekommen“? Maria lässt sich dadurch nicht beirren und bittet die Diener zu tun, was Jesus ihnen sagen würde. Und: warum handelt Jesus dann doch so, wie es die Mutter wohl erhofft hat?

Um Jesu erstes Wunder ranken sich Fragen, Unklarheiten. Zu der Auseinandersetzung mit seiner Mutter kommt noch die Frage, ob die Hochzeitsgesellschaft eigentlich von dem Wunder Jesu erfährt. Der Speisemeister jedenfalls scheint davon nichts zu wissen. Aber am Ende lesen wir „Und seine Jünger glaubten an ihn“. War es ein Wunder nur für seine Jünger? Und die anderen Hochzeitsgäste haben davon nichts gewusst? Auch das bleibt offen.

Jedenfalls war es zwar ein großes Wunder, dass Jesus Wasser in Wein verwandelt. Und damit die Hochzeitsparty rettet – denn was wäre eine große Hochzeitsparty ohne ausreichend Wein? Aber Jesu Wirken scheint im Hintergrund zu bleiben.

Ähnlich war es auch bei Jesu Geburt, der wir gerade vor drei Wochen an Weihnachten gedachten. Auch da erfuhr nur eine Handvoll Engel und einige Weise aus dem Morgenland von Jesu Geburt. Dann war es bis zum Beginn von Jesu Wirksamkeit im Alter von etwa 30 Jahren still um ihn.

Gott wirkt nicht immer spektakulär. Seine Wunder, sein Wirken, seine Hilfe ist nicht unbedingt etwas, wovon wir am nächsten Tag in der Zeitung lesen. Gott wirkt oft im Kleinen: da ist die Freude, dass eine Bekannte doch nicht an Corona erkrankt ist; dass ein Freund nach schwerer Krankheit wieder gesund wird; dass jemand aus der Nachbarschaft nach langer Suche wieder eine Arbeitsstelle findet; dass Flüchtlinge nach langen Zeiten schrecklicher Unsicherheit eine Bleibe finden.

Gerade in dieser Zeit voller schlechter Nachrichten – sei es Corona, sei es die politische Krise in den USA, seien es die Kriege in verschiedenen Teilen der Welt, sei es die Umweltzerstörung – tut uns der Blick für die Wunder Gottes gut. Und diese Wunder können wir leicht übersehen. Ich wünsche uns, dass wir in diesem Jahr voller Unsicherheit bemerken, wenn Gott in unserem Leben, in unseren Familien, in unserem Umfeld und darüber hinaus, hilft. Wenn er ganz unspektakulär eingreift, eben Wunder tut.

 

Gebet

Guter Gott, kürzlich haben wir wieder Weihnachten feiern dürfen,

das Wunder deiner Menschwerdung,

in dem kleinen Kind in einem unscheinbaren Stall in Bethlehem.

Es fällt uns oft schwer, dein Wirken auch heute wahrzunehmen.

Hilf uns, einen dankbaren Blick für das Gute zu entwickeln, das du uns schenkst.

Hilf uns, deine Wunder in unserem Leben und in dieser Welt wahrzunehmen.

Hilf uns, dir dankbar für deine Güte zu sein und von deiner Güte etwas weiterzugeben.

Amen

 

Vaterunser

Vater unser im Himmel, geheiligt werde Dein Name,

Dein Reich komme, Dein Wille geschehe,

wie im Himmel, so auf Erden,

unser tägliches Brot gib uns heute, und vergib uns unsere Schuld,

wie auch wir vergeben unseren Schuldigern

und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen.

Denn Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit,

Amen

 

Segen

Möge Gott deine Augen öffnen, dass du seine Wunder siehst,

möge Gott deine Ohren öffnen, dass du von seinem Wirken hörst,

möge Gott dein Herz öffnen, dass du für seine Zuwendung dankbar bist,

möge Gott deine Hände öffnen, dass sie von deiner Güte weitergeben.

So segne und behüte dich Gott der Herr,

der Vater und der Sohn und der Heilige Geist.

Amen.

 

 

Erster Sonntag nach Epiphanias - 10. Januar 2021

 

Wochenspruch aus dem Römerbrief des Paulus: „Welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder.“

 

Gebet zum Jahresbeginn

Zwischen Hoffen und Bangen schwanken unsere Gefühle am Beginn des neuen Jahres.

Du, Gott, legst es in unsere Hand, damit wir es gestalten.

Auch wenn wir durch die Corona Pandemie eher das Gefühl haben,

das Handeln sei uns aus der Hand genommen.

Du hast uns viel Zeit geschenkt – unser Leben.

Zeit genug zum Denken und Handeln, Wachen und Träumen, zum Reden, zum Schweigen.

Zeit für dich, für uns selbst, für andere.

Wir brauchen Weitsicht und die Hoffnung, das Gutes entstehen kann,

wenn wir verantwortlich handeln.

Wir brauchen Mut, um Abschied zu nehmen von liebgewordenem Alten.

Wir brauchen Vertrauen und Geduld, um Unabänderliches zu ertragen.

Lass uns die Zeit aus deiner Hand nehmen, Gott, und mit ihr deinen Geist,

der uns hilft, unsere Zeit so zu gestalten,

dass sie segensreich und sinnvoll für uns und alle Welt wird.

Amen

 

Gedanken zum Wochenspruch

In dieser Woche beschäftigen uns nicht nur die Verlängerung des lockdowns mit Verschärfungen, die nötig sind, weil die Zahlen der Corona Infizierten nicht sinken wegen zu vieler Menschen, die sich nicht an die Regeln halten, sondern auch die eigentlich unvorstellbaren Ereignisse in den USA: Menschen stürmen das Kapitol  - offensichtlich aufgestachelt vom noch amtierenden Präsidenten.

In beiden Fällen frage ich mich: woher nehmen Menschen die Maßstäbe für ihr Handeln? Was treibt sie an? Wes Geistes Kinder sind sie?

 

In uns gibt es eine unsichtbare Tiefenschicht, ein unsichtbares, aber höchst reales und auch wirksames Zentrum, „Geist“ genannt. Er wohnt in uns und äußert sich in unserer sichtbaren Erscheinung und in allem, was wir tun. Dieser Geist, der in uns wohnt, der uns beseelt, in uns brennt, der uns von innen her bestimmt, ist nicht einfach identisch mit der allgemeinen vernünftigen Menschennatur, dem sogenannten gesunden Menschenverstand, sondern es handelt sich um einen Geist, der von Person zu Person verschieden ist, je nachdem wovon sich diese Person beeindrucken und gefangen nehmen lässt. Was nicht ausschließt, dass mehrere Personen auch denselben Geist haben können. Sie sind „Geistesverwandte“, sagt man dann.

 

Der Geist des Evangeliums ist ein solcher Geist, der - wie Paulus sagt – uns treibt. Diesen Geist haben wir empfangen. Er ist also nicht immer schon in uns, so dass wir uns nur in uns selbst versenken müssten durch irgendwelche mystisch-meditativen Übungen, um auf ihn zu stoßen. Und er ist auch nicht unser Produkt, er ist nicht das Ergebnis eines intellektuellen Lernprozesses, zu dem wir uns aufraffen könnten. Dadurch kommt immer nur unser eigener Geist zum Vorschein, der uns oft genug auf die falschen Wege führt (siehe oben), nicht der Geist Gottes: Der wird gegeben und empfangen. Gottes Geist bewirkt, „dass wir Gottes Kinder sind“. Das hat nichts mit Naivität oder Einfältigkeit oder Blauäugigkeit zu tun, auch wenn Kinder ihn schon empfangen können. Gemeint ist der Geist der Gottes-Kindschaft, und das hat mit klein- und dumm- sein nichts zu tun.

 

Der Geist, der in einem Menschen wohnt, egal welcher, äußert sich. Wie äußert sich der Geist Gottes, woran kann man merken, dass er da ist?  Paulus sagt, dass der Geist Gotte uns „treibe“. Er ist also eine Kraft. Und diese Kraft bewirkt, dass Menschen nach ganz bestimmten Werten leben und in einer ganz bestimmten Weise miteinander umgehen: "Die Liebe sei ohne Falsch", heißt es bei Paulus. Man könnte auch sagen: die Liebe sei ohne Maske. Der sogenannte "Mantel der christlichen Nächstenliebe" wird zur schlimmen Maskerade, wenn er bestehende Konflikte einfach zudeckt und verhüllt. Ungeheuchelte, selbstlose Liebe soll unter uns sein. Und sie gibt es, denn sie wird uns geschenkt von Gott: wir sind Geliebte, damit wir lieben.

 

"Hasst das Böse, hängt dem Guten an", heißt es weiter. Jesus, der am Kreuz dem Bösen hilflos ausgeliefert war, schärft uns den Sinn für das Böse in uns und um uns. Er lässt nicht zu, dass wir uns mit der bösen Welt arrangieren oder dass wir uns willenlos im Strom der Boshaftigkeit treiben lassen. Gottes Geist treibt zum energischen Widerspruch. Er ist auch gegen die eigenen resignierten Stimmungen und ungläubigen Anwandlungen resistent. Er ist stärker als sie und vertreibt sie. Deshalb empfehle ich: Widersprecht! Ihr braucht nicht euren Glauben vor euch herzutragen. Ihr sollt euch nicht auf den Markt stellen und drauflosmissionieren. Aber wenn die Situation es erfordert, dann gebt euch zu erkennen und widersprecht! Dann werdet ihr die Kraft des Geistes erfahren und euch gut fühlen.

 

"Seid nicht träge in dem, was ihr tut. Seid brennend im Geist." Wer will es leugnen, dass wir nur zögerlich mit unserem Glauben ernst machen? Wir haben Angst, dass man sich über uns und unseren Glauben lustig macht oder uns müde belächelt. So sparen wir uns den Glauben, um uns selbst zu schützen, fürs stille Kämmerlein auf. Resigniert und müde kocht der Glaube auf Sparflamme. Und doch wird Gott noch mit unserem letzten Funken Hoffnung unser Feuer wieder entfachen. Er lässt uns nicht allein, sondern gießt das Feuer seines Geistes über uns aus. Gottes flammende Liebe für uns laue Christ/innen erkaltet nicht. Wie sollten wir uns da nicht freuen, nicht Feuer und Flamme sein, diese Liebe zu bezeugen? Wie sollten wir nicht darauf brennen, seine Liebe vor der kalten Welt zu bekennen?

 

"Seid fröhlich in Hoffnung, geduldig in Trübsal, beharrlich im Gebet." Gottes Geist wird unser Durchhaltevermögen stärken. Nicht um uns durchzusetzen, sondern um die Bedrückten und Unterdrückten aufzurichten und zu ermutigen, indem wir freudig und begeistert von unserer Hoffnung erzählen. Es ist die Hoffnung auf Gottes Reich, in dem er alle Tränen abwischen und alle aufrichten und auferwecken wird, die tot darniederliegen. Unvorstellbares, Wunderbares wird geschehen, wenn wir diese Welt beharrlich ins Gebet nehmen.

 

Vaterunser

Vater unser im Himmel, geheiligt werde Dein Name,

Dein Reich komme, Dein Wille geschehe,

wie im Himmel, so auf Erden,

unser tägliches Brot gib uns heute, und vergib uns unsere Schuld,

wie auch wir vergeben unseren Schuldigern

und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen.

Denn Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit,

Amen

 

Segen

Wir gehen in die Tage im Vertrauen darauf, dass wir auf allen Wegen,

die wir zu gehen haben, nicht allein gelassen, sondern begleitet sind von Gottes Segen.

Gottes Segen komme zu uns – stärkend und mutmachend.

Gottes Segen befreie uns, und lasse uns aufstehen in erfülltes Leben,

uns - Gottes Kinder, ausgestattet mit Gottes gutem Geist.

Nehmt den Segen Gottes mit euch und teilt davon aus, wem immer ihr begegnet.

 

 

Silvester/Neujahr 2020.21

 

Gedanken zur Jahreslosung

Jesus Christus spricht: Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist! (Lukas 6, 36)

 

Ein schweres Jahr liegt hinter uns mit vielen Einschränkungen und Entbehrungen, mit Leid und Tod in vielen Familien. Und die Aussichten sind nur verhalten gut: der Impfstoff könnte Entspannung bringen, aber wann? Mein Tipp: vielleicht im Sommer. Also heißt es, weiter durchzuhalten, sich weiter zu motivieren, die Einschränkungen einzuhalten, die gute Laune nicht zu verlieren, auch im Blick auf die dunklen Monate Januar und Februar den Kopf oben zu behalten.

 

Noch mehr als zu jedem anderen Jahreswechsel liegt die persönliche und gesellschaftliche Zukunft im Ungewissen. Denn das Leben läuft eben derzeit so gar nicht in vertrauten Bahnen. Werden wir zur Normalität zurückfinden, oder bleibt alles ganz anders? Die Corona-Pandemie hat viele vermeintliche Gewissheiten erschüttert, denn sie hat gezeigt, wie verletzlich unser Leben ist und bleibt. So schauen viele von uns mit sorgenvollem Blick in das neue Jahr.

 

Was macht da Mut, was gibt Kraft? Wir Evangelischen habe die schöne Tradition, für jede Lebenslage ein Bibelwort mitzugeben. So gibt es auch immer einen Bibelvers, der das Jahr begleitet, eine Jahreslosung. Für 2021 ist der Vers im Lukas Evangelium zu finden, in der sogenannten Feldrede, der lukanischen Entsprechung zur berühmten Bergpredigt. Da sagt Jesus: „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist!“ (Lukas 6, 36)

 

Jesus spricht auf einem Feld – so stellt es sich Lukas vor - zu einer großen Menschenmenge. Er gibt eine Art Regierungserklärung ab. „Und alles Volk suchte ihn anzurühren, denn es ging Kraft von ihm aus und heilte sie alle.“ (Vers 19) Heilung geschieht durch die Kraft, die Jesus verströmt. Wo Menschen Gott begegnen und vertrauen, da erfahren sie diese heilsame, lebensförderliche Energie Gottes. Die Energie wird dann näher beschrieben. Es ist die Kraft der Liebe: „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist!“ Das ganze Evangelium in einem Satz. Gottes Barmherzigkeit – sie kann das Leben verändern. Wie dringend brauchen wir die, gerade in diesen Zeiten.

 

Gott ist barmherzig, freigebig, gerecht und freundlich – und Corona?

Fangen wir mit dem ersten Teil des Verses an „Seid barmherzig“. Eine barmherzige Person öffnet ihr Herz fremder Not und nimmt sich ihrer mildtätig an – so definiert es der Duden. Aber ich glaube, wir sollten zunächst einmal barmherzig mit uns selbst sein. Auch wenn bei vielen das Leben zum Glück durch Corona nicht völlig aus den Fugen geraten ist, belastet dieses eingeschränkte Leben uns alle. Manches wichtige Ereignis auf dem Lebensweg ist unwiederholbar vorüber: Abiturfeiern genauso wie Beerdigungen. Und da ist es nur natürlich, wenn man auch mal schlecht gelaunt ist, wenn man die Geduld verliert, wenn man am liebsten allen Verboten zum Trotz endlich sein normales Leben wieder führen wollte.

 

Barmherzig mit sich selbst sein heißt dann: diese Gefühle zuzulassen, sie wahrzunehmen und zu akzeptieren – und dann den Verstand einzuschalten und natürlich weiter geduldig zu sein, weiter rücksichtsvoll umzugehen mit den anderen, deren Nerven auch blankliegen, weiter alle Verbote und Gebote zur Eindämmung der Pandemie einzuhalten.

 

Und dann gilt es vor allem, mit anderen barmherzig zu sein. „Wir werden in ein paar Monaten wahrscheinlich viel einander verzeihen müssen.“  Das hat Bundesgesundheitsminister Jens Spahn am Beginn des Corona-Ausbruchs gesagt. Das stimmt. Es stimmt eigentlich immer, aber derzeit besonders.

 

Leider ist das gar nicht selbstverständlich. Es herrscht überall eine große Gereiztheit. Dass bei manchen nach Monaten im Ausnahmezustand die Nerven angespannt sind, kann man – barmherzig - verstehen. Auch dass manches wegen Überlastung nicht so schnell und reibungslos klappt, wie wir es gern hätten, kann man - barmherzig – verstehen. Nicht akzeptabel ist aber, wenn Medien, die als „soziale Medien“ doch dem Miteinander dienen sollten, zu Tummelplätzen für Hassreden, Beleidigungen und Verschwörungen werden. Rechthaberei und Unbarmherzigkeit werden keine Heilung in Krisen bewirken. Wir dürfen uns an diesen Ton nicht gewöhnen.

 

Auch nicht zu verstehen ist, wenn Menschen sich ihre eigene Sicht der Dinge zurechtzimmern, aller Vernunft zuwider. Oder einfach keine Lust mehr auf Einschränkungen haben und große (Familien-) Feste veranstalten. Und damit sich und andere gefährden.

 

Allerdings dürfen uns die vielen Negativbeispiele nicht die Perspektive verrücken. Barmherzigkeit haben gerade in der Krise Viele gezeigt: in der Pflege in Altenheimen und Krankenhäusern; bei der Betreuung der Kinder in Kindergärten und Schulen; indem wir andere schützen; in der Nachbarschaft und in Kirchengemeinden Hilfen ermöglichen. Dadurch ist die Corona-Zeit auch zu einer Erfahrungszeit gelebter Barmherzigkeit geworden.

 

Woher nehmen wir nun aber diese Kraft zur Barmherzigkeit? Mit dieser Frage sind wir beim zweiten Teil der Jahreslosung. „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist!“ Es ist kein moralischer Appell, den Jesus an seine Gemeinde richtet. Er erinnert uns schlicht daran, dass wir alle immer wieder Gottes Barmherzigkeit erfahren haben. Gott, der sich zeigt und da noch mal anfängt, wo wir alle anfangen in unserem Leben: in der Geburt, in dem Kind, in der Bedürftigkeit und dem Angewiesensein.  Der da zur Welt kommt, wo wir´s am meisten brauchen: in einem abgerissenen Stall, in der dunkelsten Ecke menschlicher Verlorenheit und Armut.  Der sich in´s pure Leben begibt, damit wir uns niemals verloren fühlen, auch nicht auf den schweren Strecken des Lebens. Überall, wo wir hinkommen, ist er schon da.

 

Aus dieser Kraft leben wir. Weil Gott die Liebe ist. Und eben deshalb, weil wir Barmherzigkeit zuerst selbst erfahren und Gott „Vater“ nennen dürfen, deshalb können wir von dieser Kraft weitergeben und selbst barmherzig sein - nach der Devise: Mach es wie Gott: Werde Mensch.

 

Friedensgruß

Heute noch ist Zeit, umzukehren.

Heute noch kann ich das Wort des Friedens sagen.

Heute noch kann ich Verzeihung anbieten.

Heute noch kann ich die Hand reichen.

Heute noch kann ich ein Vorurteil ablegen.

Noch heute können wir einander Frieden wünschen.

Noch heute können wir den Entschluss fassen,

fester in unseren Gemeinden zusammenzustehen.

Noch heute können wir unsere Phantasie spielen lassen,

wie eine menschenfreundliche Zukunft in Welt und Kirche aussehen könnte.

Noch heute können wir zum Segen werden.

Für dieses Heute und Jetzt wünschen wir uns Gottes Frieden und ein glückliches neues Jahr.

 

 

 

Zwischen den Jahren 2020

 

„Von allem Anfang an war es da: wir haben es gehört und mit eigenen Augen gesehen, wir haben es angeschaut und mit unseren Händen berührt – das Wort des Lebens. Ja, das Leben ist erschienen; das können wir bezeugen.“

 

Diese Worte aus dem 1. Johannesbrief begleiten uns durch die Tage zwischen Weihnachten und Silvester.

 

Gedanken zum Leben

Es gibt Worte, die verlieren ihre Leuchtkraft nie. Sie leuchten durch die Zeit, durch die Jahrhunderte und Jahrtausende: Das Leben ist erschienen.  

 

Weihnachten war – und nun: zwischen den Jahren. Das Alte ist noch nicht vergangen, das Neue hat noch nicht begonnen. Leben – dazwischen.  Das Zeitgefühl ist etwas verwirrt, der Rhythmus unterbrochen. Freie Tage. Eigenartig zeitlos, diese Zwischenzeit. Man könnte in aller Ruhe ein Buch lesen, einen Spaziergang machen, mit den Kindern spielen oder ein Gespräch führen. Man könnte einfach mal den Gedanken nachhängen...oder über das Leben nachdenken. Über das Leben – zwischen den Jahren – über das Leben in all den Jahren und in diesem besonderen Jahr. Wir sind in dieser Zeit dafür offener als sonst, empfindsamer. Weihnachten hat an unseren Gefühlen gerüttelt. Nicht wenige sind froh, es bis hierher geschafft zu haben, vor allem diesmal.

 

Was sich in der Geburtsgeschichte Jesu abspielt – in der ganzen Spannung zwischen erlösender Rettung und unbarmherzigem Elend, himmlischem Reichtum und irdischer Armut, wärmender Heimat und eiskalter Flucht - das spiegelt sich auch in unserer Gefühlspalette wider: „Welch große Freude!“ und „Was für ein Kummer!“, „Was für eine Überraschung!“, aber auch „Was für eine Enttäuschung!“ - das liegt an Weihnachten oft ganz dicht beieinander. Das „Fürchte dich nicht!“ klingt im Ohr. „Ich habe trotzdem Angst!“ schreit´s im Innern.  Der Heiland und das Unheil dieser Welt. Das Kind und die eigenen Lebensträume. Das Leben ist erschienen .... -  Was von Anfang an war.

 

Leben - was ist das eigentlich. Der Atem, der Herzschlag? Essen, trinken, arbeiten? Eine Ansammlung von Tagen, die mal schneller und mal langsamer vergehen? Pflichterfüllung? Freude, Liebe, Musik? Verantwortung? Leben: passiert das mit uns (so, wie wir es in diesem Jahr empfinden), oder haben wir es in der Hand? Was hat unser Leben ausgemacht im vergehenden Jahr? Natürlich Corona mit all seinen Einschränkungen. Aber doch auch Tage voll schöner und reicher Erfahrungen. Und Stunden, die nicht vorübergehen wollten, und die auf uns liegen, wie eine schwere Last.

 

Da sind schmerzhafte Erinnerungen, die weh tun, Krankheit, lange, schlaflose Nächte. Es gab Probleme, Trennungen, Menschen, die in diesem Jahr gestorben sind und eine Lücke hinterlassen. Da ging etwas von der Zuversicht verloren, die uns optimistisch in die nächsten Jahre schauen ließ. Und direkt daneben stehen uns gute Stunden vor Augen: wir können an mach schönes Erlebnis zurückdenken, wo wir uns glücklich fühlten, wo uns das Leben erfüllt schien. Da ist vieles, das unser Leben im vergangenen Jahr bereicherte: Vielleicht ist uns ein Kind geboren in diesem Jahr, vielleicht eine gute Prüfung geschafft, trotz Kontaktbeschränkungen die große Liebe getroffen. Vielleicht auch nur ein Gedicht oder Lied, das im Jahr mitklang.

 

Alles war da, was wir brauchten: wir konnten essen. Wenn wir krank waren, gab es den Arzt. Die Wohnung war warm, wenn nötig. Da gab es Momente der Ruhe. Freund/innen waren da und viele gute Gespräche - zumindest per Telefon. Sie zeigten uns Wege, wenn wir nicht mehr weiterwussten, wir erfuhren, dass wir anderen etwas bedeuten.

 

Aber sicher gab es auch Phasen, in denen die Frage kam: ist das alles? Wir empfinden es manchmal so - und nicht nur in schweren Stunden: Das ist kein Leben! Wir sind nicht zufrieden mit Wohnung, Kleidung, Essen und Trinken, Auto, Fernsehen, dem richtigen Blutdruck und gesunden Cholesterinwerten. Haben macht uns nicht reicher, Geld nicht glücklicher, Schönheit nicht liebenswerter, Leistung nicht attraktiver. Das ist ganz reizvoll, aber nicht das Leben.  Das Leben liegt in der Krippe.

 

Leben – was ist das eigentlich? Ist mir irgendwo in diesem gelebten Jahr das Leben erschienen? Einige sagen: Ja. Wir haben es gehört, wir haben es gesehen mit unseren Augen und betrachtet, wir haben es betastet mit unseren Händen.... Uns ist das Leben erschienen, das von Anfang an war. Die Hirten, die Weisen und alle, die sonst Ja sagen: sie haben Gott gesehen. Sie haben in Jesus Christus das Leben gesehen. Kein Schein-Leben, keine Illusion, sondern das wahre Leben in Fleisch und Blut.  Gott, der sich zeigt. Hat ein Gesicht. Kann man berühren.

 

Gott, der sich zeigt und da noch mal anfängt, wo wir alle anfangen in unserem Leben: in der Geburt, in dem Kind, in der Bedürftigkeit und dem Angewiesensein.  Der da zur Welt kommt, wo wir´s am meisten brauchen: in einem abgerissenen Stall, in der dunkelsten Ecke menschlicher Verlorenheit und Armut.  Der sich in´s pure Leben begibt, damit wir nicht länger irgendwelchen Lebensentwürfen hinterherrennen, die das Leben versprechen, aber nicht bieten. 

 

Das Leben wohnt unter uns – Gottes Nähe in unserer Schwachheit. Gottes Nähe in unseren Zukunftsängsten, in unserer Einsamkeit, auch in unserer Freude und in unserer Dankbarkeit, in unserem Glück. Gott in allem. Wer sollte glaubwürdiger sein, als ein Gott, der mit uns durch dick und dünn geht? Der mit uns lebt, der mit uns leidet, der mit uns stirbt? Der da anfängt, wo wir auch anfangen, aber da nicht aufhört, wo wir einen Schlussstrich ziehen. 

 

Das verändert die Perspektive. Sicher gibt es weiterhin viel Alltag, viel Mühe und Sorge. Aber wir wissen: Wir sind nicht unseres Glückes Schmied. Wir müssen uns das Leben nicht nehmen. Wir können es uns geben lassen. Es ist schon alles für uns bereit, alles in Ordnung gebracht. Wir brauchen bloß zu sehen, was vor unseren Augen ist – und bloß zu hören, was schon laut und deutlich gesagt ist: Das Leben ist erschienen .... was von Anfang an war. Diese Perspektive reißt uns aus dem Einerlei des Alltags heraus, lässt hinter aller Verantwortung und Pflichterfüllung die goldenen Momente aufscheinen, für die es sich zu leben lohnt. Das ist ein Leben, in dem Sinn ist und Freude, in dem es erfüllte Stunden gibt, in denen wir erfahren, dass wir gebraucht werden, ein Leben, das Ziele hat, für die es sich zu leben lohnt.

 

Gebet (Hanns Dieter Hüsch)

Ich setze auf die Liebe. Das ist das Thema: den Hass aus der Welt zu entfernen,

bis wir bereit sind zu lernen, dass Macht, Gewalt, Rache und Sieg nichts anderes bedeuten,

als ewiger Krieg - auf Erden und dann auf den Sternen.

Ich setze auf die Liebe, wenn Sturm mich in die Knie zwingt

und Angst in meinen Schläfen buchstabiert, ein dunkler Abend mir die Sinne trübt,

ein Freund im anderen Lager singt,

ein junger Mensch den Kopf verliert, ein alter Mensch den Abschied übt.

Ich setzte auf die Liebe. Das ist das Thema: den Hass aus der Welt zu vertreiben,

ihn immer neu zu beschreiben.

Die einen sagen, es läge am Geld, die anderen sagen, es wäre die Welt.

Sie läg´ in den falschen Händen.

Jeder weiss besser, woran es liegt. Doch es hat noch keiner den Hass besiegt,

ohne ihn selbst zu beenden.

Er kann mir sagen, was er will, und er kann mir singen, wie er´s meint,

und mir erklären, was er muss, und mir begründen, wie er´s braucht.

Ich setze auf die Liebe! Schluss!

Gott schütz euch.

Gott schütze und befreie uns.

Amen

 

Weihnachten 2020

 

„Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit.“

 

Dieses Wort aus dem Johannesevangelium begleite uns durch die Weihnachtszeit.

 

In das Dunkel hinein, in das Grau der Zeit, in die Sehnsucht nach Licht im Leben spricht der Prophet Jesaja:

 

Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, und über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell.

Du weckst lauten Jubel, du machst groß die Freude. Vor dir wird man sich freuen, wie man sich freut in der Ernte, wie man fröhlich ist, wenn man Beute austeilt.

Denn du hast ihr drückendes Joch, die Jochstange auf ihrer Schulter und den Stecken ihres Treibers zerbrochen wie am Tage Midians. Denn jeder Stiefel, der mit Gedröhn daher geht, und jeder Mantel, durch Blut geschleift, wird verbrannt und vom Feuer verzehrt.

Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, und die Herrschaft ruht auf seiner Schulter; und er heißt Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst; auf dass seine Herrschaft groß werde und des Friedens kein Ende auf dem Thron Davids und in seinem Königreich, dass er's stärke und stütze durch Recht und Gerechtigkeit von nun an bis in Ewigkeit.

 

Gedanken zum Licht

Ohne Licht geht es nicht. Licht ist - wie Feuer - eines der mächtigsten Kulturphänomene der Menschheit. Und deswegen spricht die Bibel auch vom Licht, das Jesus in die Welt bringt, mehr noch, vom Licht, das Jesus ist.

Seit dem Propheten Jesaja warteten die Menschen auf ein Kind, das zum Licht der Welt würde. Die Dunkelheit blieb, Jahre, Jahrzehnte vergingen. Und dann wurde die Verheißung für einige Menschen erfüllt. Erst sahen nur wenige in dem Kind in der armseligen Krippe den verheißenen Friedefürsten: ein paar Hirten auf dem Felde, später zwölf Jünger. Aber es wurden mehr und mehr: heute glauben Christinnen und Christen auf der ganzen Welt, dass diese uralte Verheißung in Jesus in Erfüllung gegangen ist.

Es ist eine große Verheißung: das Kind soll Licht sein für ein Volk, das im Finstern wandert, es soll dessen Angst in Jubel und Freude verwandeln. Das Kind soll alle Bedrückung vom Volk nehmen, es soll den Krieg beenden, ja sogar abschaffen und ein ewiges Friedensreich errichten, in dem Recht und Gerechtigkeit herrschen.

In ein solches Friedensreich hat sich unsere Welt noch lange nicht verwandelt, es gibt immer noch viele Dunkelheiten: wie viele Menschen leben in politischen Systemen, die sie grausam unterdrücken, die ihnen tatsächlich schwere Jochstangen auflegen. Wie viele Menschen leiden noch unter Kriegen, wir brauchen nur nach Berg-Karabach zu blicken, um deutlich zu erkennen, dass ein Friedensreich, in dem Recht und Gerechtigkeit herrschen, auf sich warten lässt.

Und auch in unserem eigenen Leben gibt es genug Dunkelheiten. Vielleicht hatten wir nie die Möglichkeiten, die anderen Menschen zuzufallen scheinen. Vielleicht wurden wir oder jene, die wir lieben, von Corona oder einem anderen schweren Schicksal getroffen, das uns Krankheit oder Tod oder ein anderes Unglück brachte. Vielleicht bedrückt uns auch keine bestimmte Sorge, und doch empfinden wir das Leben, mit all seinen immer komplizierter werdenden Verflechtungen als feindselig und bedrohlich. Wir erkennen es daran, dass wir immer weniger durchschauen, was in Politik und Wirtschaft passiert, aber auch daran, dass immer mehr Vertrautes verschwindet. Vielleicht scheint uns sogar das Verhalten anderer uns gegenüber unfreundlich oder gleichgültig.

In solcher Dunkelheit hat Jesus sich als Licht erwiesen, damals und heute immer noch, immer wieder neu, dort, wo Menschen sich auf ihn einlassen: Da tritt ein Mensch auf in Palästina. Wo er hinkommt, blüht der Friede auf. Menschen werden heil an Leib und Seele. Reiche öffnen ihre Herzen und teilen ihre Güter mit Armen. Fragen nach dem Sinn des Lebens werden wundersam beantwortet. Trauer wandelt sich in Freude. Zerrissene Seelen finden Ruhe. Träume werden wahr. Damals und heute immer noch.

Das Licht, das Jesus auch in unser Leben bringt, ist das Ja Gottes zu uns: Gott steht auf unserer Seite, um für uns Sorge zu tragen. Gottes Liebe umfasst unser ganzes Leben mit all seinen Dunkelheiten. Seine Sorge gilt jedem, jeder einzelnen von uns. Das bedeutet nicht, dass er uns mit einem schützenden Zaubermantel umgibt, der alles Schlechte und Bedrohliche von uns fernhält. Unser Leben hat weiter auch dunklen Seiten, doch wenn wir es wollen, wird Jesus uns die Augen öffnen, sodass wir in aller Finsternis das Licht erkennen, das uns den Weg in sein Friedensreich leuchtet.

Gottes Ja zu uns mitten in unserer Schwachheit und Verlorenheit gegenüber den Dunkelheiten des Lebens, dieses Ja können wir mit Freude und Jubel annehmen und auch in diesem schweren Jahr getrost gesegnete Weihnachten feiern.

 

Gebet

Wir sehen auf deine Krippe, Gott, staunen, danken, hoffen und freuen uns,

dass du zu uns gekommen bist.

In unsere Häuser und in unsere Herzen, um uns die Augen zu öffnen und die Sinne zu schärfen

für die Krippen und Ställe der Welt, für die Orte des Hungers und des Elends,

für die Stätten der Angst und des Leids.

 

Wir bitten dich, Gott, für alle, deren Leben in Dunkelheit gehüllt ist,

in die Dunkelheit der Armut und Not, in die Dunkelheit der Trauer und Trostlosigkeit,

in die Dunkelheit der Einsamkeit und Verzweiflung.

Mache ihr Leben hell, wie du die Nacht über Bethlehem hell gemacht hast.

Lass dein Licht leuchten.

 

Hilf uns, ihnen dein Licht zu bringen.

Dein Licht, das die Dunkelheit vertreibt, die sie erfüllt und umgibt.

Durch Worte, die ermutigen, durch Gesten, die trösten, durch Zeichen,

die sie unsere und deine Nähe fühlen lassen,

dass auch sie wieder - wie wir – staunen, danken, hoffen und sich freuen über dich, Gott.

 

Vaterunser

Vater unser im Himmel, geheiligt werde Dein Name,

Dein Reich komme, Dein Wille geschehe,

wie im Himmel, so auf Erden, unser tägliches Brot gib uns heute,

und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern

und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen.

Denn Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit,

Amen

 

Segen

Seid alle gesegnet mit dem Licht der Weihnacht!

Wenn ihr im Dunkeln geht

und euren Fuß an einen Stein stoßet,

möge das Licht euch den Weg erleuchten!

 

Seid alle gesegnet mit dem Licht der Weihnacht!

Wenn ihr im Finstern lebt

und die Orientierung verliert,

möge das Licht euch die Richtung weisen!

 

Seid alle gesegnet mit dem Licht der Weihnacht!

 

 

Heilig Abend - 24. Dezember 2020

 

„Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allen Menschen widerfahren wird, denn euch ist heute der Retter geboren, Jesus Christus, unser Herr.“

 

Mit diesen Worten des Engels aus der Weihnachtsgeschichte nach Lukas grüßen wir Sie ganz herzlich am Heiligabend.

 

Gedanken zum Bibeltext aus dem Buch des Propheten Jesaja 11, 1-10

Und es wird ein Reis hervorgehen aus dem Stamm Isais und ein Zweig aus seiner Wurzel Frucht bringen. 2Auf ihm wird ruhen der Geist des Herrn, der Geist der Weisheit und des Verstandes, der Geist des Rates und der Stärke, der Geist der Erkenntnis und der Furcht des Herrn. 3Und Wohlgefallen wird er haben an der Furcht des Herrn. Er wird nicht richten nach dem, was seine Augen sehen, noch Urteil sprechen nach dem, was seine Ohren hören, 4sondern wird mit Gerechtigkeit richten die Armen und rechtes Urteil sprechen den Elenden im Lande, und er wird mit dem Stabe seines Mundes den Gewalttätigen schlagen und mit dem Odem seiner Lippen den Gottlosen töten. 5Gerechtigkeit wird der Gurt seiner Lenden sein und die Treue der Gurt seiner Hüften. 6Da wird der Wolf beim Lamm wohnen und der Panther beim Böcklein lagern. Kalb und Löwe werden miteinander grasen, und ein kleiner Knabe wird sie leiten. 7Kuh und Bärin werden zusammen weiden, ihre Jungen beieinanderliegen, und der Löwe wird Stroh fressen wie das Rind. 8Und ein Säugling wird spielen am Loch der Otter, und ein kleines Kind wird seine Hand ausstrecken zur Höhle der Natter. 9Man wird weder Bosheit noch Schaden tun auf meinem ganzen heiligen Berge; denn das Land ist voll Erkenntnis des Herrn, wie Wasser das Meer bedeckt. 10Und es wird geschehen zu der Zeit, dass die Wurzel Isais dasteht als Zeichen für die Völker. Nach ihm werden die Völker fragen, und die Stätte, da er wohnt, wird herrlich sein.

 

Die Worte des Propheten Jesaja lesen sich zu Weihnachten 2020 geradezu surreal. Eine Vision, wie sie zu unserer Lebenswirklichkeit in dieser Weihnachtszeit nicht unterschiedlicher sein kann.

Da soll dem Volk Israel ein Retter aus der Not erwachsen, und zwar einer aus der Ahnenreihe des großen Königs David. Dieser Retter wird vom Geist Gottes erfüllt sein. Er wird den Armen und Schwachen Gerechtigkeit verschaffen. Dann werden Wolf und Lamm, Bärin und Kuh gemeinsam in Frieden grasen. Nichts Böses wird es mehr geben. Die Erde wird von der Erkenntnis Gottes angefüllt sein. Und die Völker werden nach diesem Retter fragen.

Weihnachten 2020 ist so anders! Nicht mal mehr Gottesdienste können wir zusammen feiern. Größere Familienfeste fallen aus, wir können nur sehr begrenzt Freund/innen treffen. Wir sind dazu aufgerufen, Distanz zu halten, wo wir uns doch nach Nähe sehnen.

2020: es ist das Jahr der Coronakrise mit so vielen Kranken und Toten, mit so vielen, die um ihre wirtschaftliche Existenz kämpfen müssen, mit so vielen Einsamen und Verzweifelten. Es ist auch das Jahr vieler Kriege, zuletzt in Berg-Karabach mit der Vertreibung vieler armenischer Christ/innen durch aserbeidschanische Truppen, das Jahr der verzweifelten Situation vieler Geflüchteter im Mittelmeer.

Als Jesaja diese Worte sprach, etwa 720 oder 710 vor Christus, waren sie für das Volk Israel sicher kaum verständlich. Israel mit der Stadt Jerusalem war bedroht vom Großreich Assyrien. Jesaja verhieß dem Volk dennoch die Rettung.

Für uns Christ/innen ist diese Verheißung in Jesus Christus schon teilweise wahrgeworden. Nach dem Stammbaum, den wir im Matthäusevangelium lesen, war Jesus ein Nachkomme Davids und seines Vaters Isai, der ganz am Anfang der Vision Jesajas genannt wird. Jesus Christus als unser Retter. Darum feiern wir Weihnachten. Weil Gott durch Jesus Christus in die Welt gekommen ist als der Retter aus Not, Elend und Ungerechtigkeit. Und das dürfen wir jedes Jahr wieder neu feiern, auch zu Weihnachten in diesem denkwürdigen Jahr 2020.

Wir hören auch dieses Jahr wieder die Botschaft von Weihnachten, den Ruf der Engel zu den Hirten in der Nähe von Bethlehem in der Nacht, als Jesus geboren wurde: „Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch heute große Freude, denn euch ist heute der Heiland geboren“.

Die Botschaft vom Heiland Jesus Christus steht all unseren Sorgen und Ängsten, dem Elend, der Verzweiflung, der Ungerechtigkeit, steht sogar dem Tod entgegen. Gottes Reich kommt. Das ist die Erfahrung, die das Volk Israel immer wieder gemacht hat, die die Menschen gemacht haben, die vor 2000 Jahren Jesus in Palästina selbst erlebt haben, die wir auch heute wieder machen dürfen. Gottes Reich kommt nicht mit Pauken und Trompeten, sondern wird eher in den kleinen Zeichen sichtbar: wenn Menschen den Kranken, den Einsamen, den Verzweifelten helfen, wenn sie die unterstützen und für die beten, die durch Corona in ihrer wirtschaftlichen Existenz bedroht sind, wenn Menschen spenden für die Schwachen und Armen bei uns und in der Welt, wenn Menschen entschieden gegen Diskriminierung, Ausgrenzung, Fremdenfeindlichkeit oder Antisemitismus eintreten.

Das sind die Zeichen, die wir vom Reis aus dem Stamm Isai auch heute erleben dürfen, die Zeichen, an denen wir in unserem bescheidenen Rahmen mitwirken dürfen. Auch unter den so eingeschränkten Bedingungen unseres diesjährigen Weihnachtsfestes. Und dafür dürfen wir Gott und seinem Sohn Jesus Christus dankbar sein.

Möge Gott, der Herr, uns ein gesegnetes Weihnachtsfest 2020 schenken. Amen.

Prädikant Peter Herkenrath

 

Gebet

Guter Gott,

heute feiern wir wieder,

dass Jesus als das Licht der Welt zu uns kommt.

Wir bitten dich:

lass dieses Licht allen leuchten, deren Leben dunkel ist, die sich heute nicht freuen können.

 

Wir bitten dich für alle, die krank sind oder allein,

die wieder nichts zu essen haben oder kein Dach über dem Kopf.

 

Wir bitten dich für die, die den Streit nicht mehr ertragen,

in dem sie jeden Tag leben müssen,

für die, die niemand liebt.

 

Wir bitten dich, leuchte auch uns,

damit wir dein Licht mitnehmen können in unsere Häuser

und zu denen, die uns wichtig sind.

 

Vaterunser

Vater unser im Himmel, geheiligt werde Dein Name,

Dein Reich komme, Dein Wille geschehe,

wie im Himmel, so auf Erden,

unser tägliches Brot gib uns heute, und vergib uns unsere Schuld,

wie auch wir vergeben unseren Schuldigern

und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen.

Denn Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit,

Amen

 

Segen

Seid alle gesegnet mit dem Licht der Weihnacht!

Wenn ihr im Dunkeln geht und euren Fuß an einen Stein stoßet,

möge das Licht euch den Weg erleuchten!

 

Seid alle gesegnet mit dem Licht der Weihnacht!

Wenn ihr im Finstern lebt und die Orientierung verliert,

möge das Licht euch die Richtung weisen!

 

Seid alle gesegnet mit dem Licht der Weihnacht!

Amen

 

 

 

 

 

4. Sonntag im Advent - 20. Dezember 2020

 

Dezember Psalm von Hanns Dieter Hüsch

Mit fester Freude lauf ich durch die Gegend.

Mal durch die Stadt, mal meinen Fluss entlang.

Jesus kommt!
Der Freund der Kinder und der Tiere.

Ich gehe völlig anders.

Ich grüße freundlich, möchte alle Welt berühren.

Mach dich fein – Jesus kommt!

Schmück dein Gesicht, schmücke dein Haus und deinen Garten.

Mein Herz schlägt ungemein macht Sprünge.

Mein Auge lacht und färbt sich voll mit Glück:
Jesus kommt! Alles wird gut!

 

Bibeltext aus dem Lukas-Evangelium:

Gott kommt in unsere Welt. Für Maria ist das sehr konkret: sie ist schwanger. Maria singt von einer Welt, die in anderen Umständen ist, denn Gottes Barmherzigkeit kommt. Dieses Lied ist aufgeschrieben im Lukasevangelium, Kapitel 1:

Gott kommt in unsere Welt. Für Maria ist das sehr konkret: sie ist schwanger. Maria singt von einer Welt, die in anderen Umständen ist, denn Gottes Barmherzigkeit kommt. Dieses Lied ist aufgeschrieben im Lukasevangelium, Kapitel 1:

Und Maria sprach: Meine Seele erhebt den Herrn, und mein Geist jubelt über Gott, meinen Retter, denn hingesehen hat er auf die Niedrigkeit seiner Magd. Siehe, von nun an werden mich seligpreisen alle Geschlechter, denn Großes hat der Mächtige an mir getan. Und heilig ist sein Name, und seine Barmherzigkeit gilt von Geschlecht zu Geschlecht denen, die ihn fürchten.

Gewaltiges hat er vollbracht mit seinem Arm, zerstreut hat er, die hochmütig sind in ihrem Herzen, Mächtige hat er vom Thron gestürzt und Niedrige erhöht, Hungrige hat er gesättigt mit Gutem und Reiche leer ausgehen lassen.

 

Immer auf die Kleinen - dieses Gefühl kennen wir vielleicht alle. Aber ich glaube, vor allem Kinder denken das oft: wir Kleinen, wir Kinder, wir müssen gehorchen, tun, was die Großen sagen; wir müssen uns mit unseren Plänen immer nach den Erwachsenen richten.

 

Manchmal hat man aber auch als Erwachsener dieses Gefühl "Immer auf die Kleinen": bei betriebsbedingten Kündigungen gehen eher die einfachen Arbeitnehmer/innen, bei Steuern haben wir oft das Gefühl, Erhöhungen treffen nie die mit dem wirklich großen Geld, in der Corona Krise leiden vor allem die kleinen Betriebe unter den Schließungen, alles eben immer auf die Kleinen.

 

Maria gehörte auch zu den Kleinen. Sie war eine arme, einfache Frau. Sie hat sicher auch oft gedacht "Immer auf die Kleinen". Und dann noch ein Kind, ohne verheiratet zu sein, ein Kind von Gott. Aber genau da kam für Maria die Wende. Sie erfuhr am eigenen Leib, dass Gott das alte Sprichwort "Immer auf die Kleinen" umkehrt. Nachdem ihr der Engel erschienen war wusste sie: Gott ist auf der Seite der Kleinen, er macht sich selbst ganz klein, indem er seinen Sohn als kleines Baby in den armen Stall gibt. Gott wird es nicht dabei belassen, dass es immer auf die Kleinen geht.

Er wird diese Ungerechtigkeit beenden: die Niedrigen hebt er auf, die Gewaltigen stößt er vom Thron, die Hungrigen macht er froh und die Reichen lässt er leer ausgehen.

 

Gott macht die Kleinen groß, sie sind ihm wichtig: die Armen und Kranken, die Frauen und Kinder, die Ausgestoßenen. Ihnen kommt er in Jesus ganz nah. An ihnen zeigt er, dass in seiner neuen Welt die Kleinen genauso groß und wichtig sind wie die Großen. Gottes Welt ist eine wirklich gerechte Welt, in der der Starke den Schwachen gleichberechtigt leben lässt.

 

Im Advent warten wir auf diese Ankunft Gottes. Wir warten auf seine neue Welt. Dieses Warten soll uns nicht ungeduldig machen, sondern hoffnungsfroh. Wir wissen ja, was auf uns zukommt, was Gott für uns bereithält. Jede Kerze, die wir im Advent am Adventskranz anzünden, kann ein Hoffnungszeichen sein. Sie macht nicht nur unser Zimmer, sondern auch unsere Herzen und unser Leben heller. Davon können wir abgeben, indem wir anderen das Leben heller machen, indem wir anderen von unserer Hoffnung weitergeben.

 

Gott hat versprochen, uns durch unser Leben zu begleiten. Oft kann man nur im Rückblick sagen, dass das Leben sich wunderbar gefügt hat, dass Gott in der Tiefe mitgegangen ist. Aber gerade solche Hoffnungsgeschichten zeigen: Gott wird uns nicht vergessen, er kennt uns, er hat sich mit uns verbündet. Und das gilt vor allem jetzt, wo wir uns so oft alleingelassen fühlen.

 

Gebet

Guter Gott,

in ein paar Tagen feiern wir Weihnachten,

das Fest deiner Geburt in unserer Welt.

Wir wollen uns auf dieses Fest einlassen,

das in diesem Jahr unter sehr besonderen Umständen stattfinden muss.

 

Wir lassen uns auf dich ein.

Lass uns offen sein, wie Maria offen war.

Sie hat dein Wort gehört und hat ihm Raum in ihrem Leben gegeben.

Dein Wort verändert das Leben, auch unseres.

 

Gott, lass uns so lebendig sein, wie Maria lebendig war.

Sie hat sich ihr eigenes Urteil gebildet,

sie hat sich für dich entschieden.

Dein Wort schenkt Freiheit, auch uns.

 

Gott, lass uns so beweglich sein, wie Maria beweglich war.

Dein Wort vom Leben hat sie umgetrieben

und nicht mehr losgelassen.

Dein Wort gibt Hoffnung, auch uns.

 

Gott, lass uns so voller Vorfreude sein, wie Maria voller Freude war.

Sie hat sich durch ihre völlig veränderten Lebensumstände

nicht aus der Bahn werfen lassen,

sondern sich freudig der Herausforderung gestellt.

Dein Wort bringt Freude, auch uns.

 

Vaterunser

Vater unser im Himmel, geheiligt werde Dein Name,

Dein Reich komme, Dein Wille geschehe,

wie im Himmel, so auf Erden,

unser tägliches Brot gib uns heute, und vergib uns unsere Schuld,

wie auch wir vergeben unseren Schuldigern

und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen.

Denn Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit,

Amen

 

Segen

Der Herr segne dich und behüte dich.

Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig.

Der Herr erhebe sein Angesicht auf dich und gebe dir seinen Frieden.

Amen